Informationspflichten bei Fremdwährungsdarlehen

Einem Ver­brau­cher, der ein Dar­le­hen in Fremd­wäh­rung auf­ge­nom­men hat und dem die Miss­bräuch­lich­keit einer Klau­sel des Dar­le­hens­ver­trags nicht bewusst ist, kann für die Rück­erstat­tung der auf­grund die­ser Klau­sel gezahl­ten Beträ­ge kei­ne Ver­jäh­rungs­frist ent­ge­gen­ge­hal­ten werden.

Die Infor­ma­ti­on, die der Dar­le­hens­ge­ber dem Dar­le­hens­neh­mer hin­sicht­lich des Bestehens eines Wech­sel­kurs­ri­si­kos über­mit­telt, genügt nicht dem Trans­pa­renz­erfor­der­nis, wenn sie auf der Annah­me beruht, dass der Wech­sel­kurs zwi­schen der Kon­to­wäh­rung und der Zah­lungs­wäh­rung über die gesam­te Lauf­zeit des Ver­trags sta­bil blei­ben werde.

Die­ser Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on lagen zwei Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen aus Frank­reich zugrun­de. In den Jah­ren 2008 und 2009 nah­men Ver­brau­cher zur Finan­zie­rung des Kaufs von Immo­bi­li­en oder von Antei­len an Immo­bi­li­en­ge­sell­schaf­ten bei der Bank BNP Pari­bas Per­so­nal Finan­ce Hypo­the­ken­dar­le­hen auf, die auf Schwei­zer Fran­ken (CHF) lau­te­ten und in Euro rück­zahl­bar waren. Auf­grund der Eigen­schaf­ten die­ser Dar­le­hen beinhal­te­te der Abschluss der Dar­le­hens­ver­trä­ge ein Wech­sel­kurs­ri­si­ko im Zusam­men­hang mit den Schwan­kun­gen des Euro­kur­ses gegen­über dem Kurs des CHF. Auch wenn die Dar­le­hens­ver­trä­ge das Bestehen die­ses Risi­kos nicht aus­drück­lich erwähn­ten, war ihnen den­noch mit­tel­bar zu ent­neh­men, dass ihnen die­ses Risi­ko inne­wohn­te und vom Ver­brau­cher zu tra­gen war.

Nach­dem die Ver­brau­cher mit der Zah­lung der monat­li­chen Raten in Schwie­rig­kei­ten gera­ten waren, wur­den gericht­li­che Ver­fah­ren vor dem Tri­bu­nal d’instance de Lag­ny-sur-Mar­ne bzw. dem Tri­bu­nal de gran­de instance de Paris ein­ge­lei­tet. Die­se Gerich­te haben zu prü­fen, ob die Klau­seln der oben genann­ten Dar­le­hens­ver­trä­ge, die die Ver­brau­cher einem unbe­grenz­ten Wech­sel­kurs­ri­si­ko aus­ge­setzt haben, im Licht der Richt­li­nie 93/​13/​EWG des Rates vom 5. April 1993 über miss­bräuch­li­che Klau­seln in Ver­brau­cher­ver­trä­gen1 als miss­bräuch­lich und die Ver­brau­cher daher nicht bin­dend anzu­se­hen sind. In die­sem Kon­text haben das Tri­bu­nal d’instance de Lag­ny-sur-Mar­ne und das Tri­bu­nal de gran­de instance de Paris dem Gerichts­hof eine Rei­he von Fra­gen zur Aus­le­gung der Richt­li­nie über miss­bräuch­li­che Klau­seln in Ver­brau­cher­ver­trä­gen vorgelegt.

Mit sei­nen jetzt ver­kün­de­ten Urtei­len hat der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ers­tens dar­auf hin­ge­wie­sen, dass miss­bräuch­li­che Klau­seln in Ver­brau­cher­ver­trä­gen für den Ver­brau­cher unver­bind­lich und als von Anfang an nicht exis­tent anzu­se­hen sind, so dass sie kei­ne Wir­kun­gen auf die Sach- und Rechts­la­ge haben kön­nen. Folg­lich kann der Antrag eines Ver­brau­chers auf Fest­stel­lung der Miss­bräuch­lich­keit einer in einem sol­chen Ver­trag ent­hal­te­nen Klau­sel kei­ner Ver­jäh­rungs­frist unterliegen.

Indes­sen hat der Uni­ons­ge­richts­hof her­vor­ge­ho­ben, dass die Richt­li­nie einer natio­na­len Rege­lung nicht ent­ge­gen­steht, nach der eine Kla­ge, mit der die Resti­tu­ti­ons­wir­kun­gen die­ser Fest­stel­lung gel­tend gemacht wer­den, einer Ver­jäh­rungs­frist unter­liegt. Er hat jedoch dar­auf hin­ge­wie­sen, dass eine Ver­jäh­rungs­frist für die Rück­erstat­tung von auf­grund einer miss­bräuch­li­chen Klau­sel gezahl­ten Beträ­gen, die bereits abge­lau­fen sein könn­te, bevor der Ver­brau­cher die Mög­lich­keit hat­te, von der Miss­bräuch­lich­keit die­ser Klau­sel Kennt­nis zu neh­men, kei­nes­falls mit der Richt­li­nie im Ein­klang ste­hen kann.

Zwei­tens hat der Uni­ons­ge­richts­hof fest­ge­stellt, dass es Auf­ga­be der vor­le­gen­den Gerich­te ist, zu beur­tei­len, ob die strei­ti­gen Klau­seln einen die frag­li­chen Dar­le­hens­ver­trä­ge kenn­zeich­nen­den Bestand­teil fest­le­gen, der Haupt­ge­gen­stand die­ser Ver­trä­ge ist. In die­sem Fall erlaubt die Richt­li­nie die Prü­fung der Miss­bräuch­lich­keit die­ser Klau­seln näm­lich nur, wenn die­se nicht klar und ver­ständ­lich abge­fasst sind.

Drit­tens hat der Uni­ons­ge­richts­hof dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es dem Trans­pa­renz­erfor­der­nis nicht genügt, wenn der Gewer­be­trei­ben­de dem Ver­brau­cher bei Ver­trags­schluss Infor­ma­tio­nen, selbst zahl­rei­che, über­mit­telt, wenn die­se auf der Hypo­the­se beru­hen, dass der Wech­sel­kurs zwi­schen der Kon­to­wäh­rung und der Zah­lungs­wäh­rung über die gesam­te Lauf­zeit des Ver­trags sta­bil blei­ben wird. Dies ist ins­be­son­de­re der Fall, wenn der Ver­brau­cher vom Gewer­be­trei­ben­den nicht auf den wirt­schaft­li­chen Kon­text hin­ge­wie­sen wur­de, der Aus­wir­kun­gen auf die Schwan­kun­gen der Wech­sel­kur­se haben könnte.

Vier­tens hat der Uni­ons­ge­richts­hof in Anbe­tracht der Kennt­nis­se des Gewer­be­trei­ben­den zu dem vor­her­seh­ba­ren wirt­schaft­li­chen Kon­text, der Aus­wir­kun­gen auf die Schwan­kun­gen der Wech­sel­kur­se haben kann, der bes­se­ren Mit­tel, über die der Gewer­be­trei­ben­de ver­fügt, um das Wech­sel­kurs­ri­si­ko vor­her­zu­se­hen, und des beträcht­li­chen Risi­kos in Bezug auf Schwan­kun­gen der Wech­sel­kur­se, das die strei­ti­gen Ver­trags­klau­seln dem Ver­brau­cher auf­bür­den, fest­ge­stellt, dass die­se Klau­seln zum Nach­teil des Ver­brau­chers ein erheb­li­ches Miss­ver­hält­nis zwi­schen den Rech­ten und Pflich­ten der Par­tei­en aus dem Dar­le­hens­ver­trag ver­ur­sa­chen kön­nen. Soweit der Gewer­be­trei­ben­de dem Ver­brau­cher gegen­über das Trans­pa­renz­erfor­der­nis nicht beach­tet hat, schei­nen die­se Klau­seln dem Ver­brau­cher näm­lich ein zu den emp­fan­ge­nen Leis­tun­gen und dem Dar­le­hens­be­trag außer Ver­hält­nis ste­hen­des Risi­ko auf­zu­bür­den, da die Anwen­dung die­ser Klau­seln zur Fol­ge hat, dass der Ver­brau­cher die Kos­ten der lang­fris­ti­gen Ent­wick­lung der Wech­sel­kur­se zu tra­gen hat.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urtei­le vom 10. Juni 2021 – C −776÷19 und C −782÷19

  1. ABl. 1993, L 95, S. 29[]