Prospekthaftung – und die Verjährungsverkürzung per AGB

Eine verjährungsverkürzende Regelung in einem Beteiligungsprospekt ist wegen Verstoßes gegen das Freizeichnungsverbot nach § 309 Nr. 7b BGB unwirksam.

Als Klausel in einem formularmäßigen Emissionsprospekt ist die verjährungsverkürzende Regelung des Prospekts einer AGBrechtlichen Inhaltskontrolle zugänglich. Mangels gesellschaftsvertraglicher Natur wird sie nicht von der Bereichsausnahme des § 310 Abs. 4 BGB erfasst1.

Die Regelung hat zwar nicht unmittelbar die Frage des Haftungsmaßstabes zum Gegenstand. Es entspricht aber ständiger Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs, dass auch die generelle Verkürzung der Verjährungsfrist eine gem. § 309 Nr. 7b BGB unzulässige Haftungsbeschränkung darstellt, indem sie die Haftung auch für grob fahrlässig begangene Pflichtverletzungen mittelbar erleichtert2.

Die Regelung des Prospekts erfasst – isoliert betrachtet – alle Ansprüche unabhängig von der Art des Verschuldens. Die Verjährung bei Haftung wegen Vorsatzes darf aber schon gem. § 202 Abs. 1 BGB nicht im Voraus verkürzt werden. Zudem verkürzt die AGB-Regelung im Prospekt die Verjährung aller in Betracht kommenden, auf grober Fahrlässigkeit beruhenden Schadensersatzansprüche, wie sich aus dem systematischen Zusammenhang der Gesamtregelung ergibt, die in Satz 1 die Haftung auf Vorsatz und grobe Fahrlässigkeit beschränkt. Denn hieraus folgt – ungeachtet der Frage nach der Wirksamkeit einer solchen Begrenzung3 – genau das Gegenteil. Ist die Haftung wegen leichter Fahrlässigkeit bereits dem Grunde nach ausgeschlossen, bezieht ein Anleger auch die nachfolgende Verkürzung der Verjährungsfrist nur noch auf die nach dem Regelungswerk überhaupt in Betracht kommende Haftung wegen Vorsatzes und grober Fahrlässigkeit.

Der Zusatz „soweit nicht zwingende gesetzliche Vorschriften (…) entgegenstehen“ vermag der verjährungsverkürzenden Klausel schon deshalb nicht zur Wirksamkeit zu verhelfen, weil er seinerseits inhaltlich nicht verständlich ist und ihm im Wesentlichen die Funktion zukommt, die AGBrechtlich vorgesehenen Folgen unwirksamer Klauseln zu umgehen4. Zudem macht der Verwender damit auch nicht hinreichend transparent, in welchem Umfang mit der betreffenden Klausel Abweichungen vom dispositiven Recht vereinbart werden5.

Die Klausel ist insgesamt unwirksam und lässt sich infolge des dem AGB-Recht immanenten Verbots einer geltungserhaltenden Reduktion6 auch nicht auf einen noch zulässigen Inhalt zurückführen. Unerheblich ist dabei, ob im konkreten Haftungsfall überhaupt ein grobes Verschulden feststellbar ist7.

Angesichts der bereits aus § 309 Nr. 7b BGB folgenden Unwirksamkeit der verjährungsverkürzenden Regelung kommt es für die Entscheidung auf die Frage, ob der an die Kenntnis anknüpfenden Regelung des § 199 Abs. 1 Nr. 2 BGB eine gesetzliche Leitbildbildfunktion beizumessen ist, ebenso wenig an wie darauf, ob die Klausel zudem gegen das Transparenzgebot verstößt, weil der Beteiligungsprospekt einerseits und der Treuhand- und Verwaltungsvertrag andererseits unterschiedliche Verjährungsregelungen enthalten.

Der Prospekt ist in der Regel die einzige Grundlage für den späteren Vertragsschluss des Anlegers. Seine Aufgabe ist es, die potentiellen Anleger verlässlich, umfassend und wahrheitsgemäß zu informieren. Ein Haftungsausschluss für leichte Fahrlässigkeit widerspräche dieser grundlegenden Aufklärungspflicht, durch die der Schutz der Investoren sichergestellt werden soll. Die Beschränkung auf Vorsatz und grobe Fahrlässigkeit ist deshalb wegen Verstoßes gegen § 307 Abs. 1 BGB (§ 9 AGBG a.F.) unwirksam8; zum selben Ergebnis führt die anhand von §§ 157, 242 BGB durchzuführende Inhaltskontrolle der gesellschaftsvertraglichen Regelung.

Bundesgerichtshof, Urteil vom 22. September 2015 – II ZR 343/14

  1. st. Rspr., siehe nur BGH, Beschluss vom 13.12 2011 – II ZB 6/09, ZIP 2012, 117 Rn. 43; Urteil vom 23.04.2012 – II ZR 211/09, ZIP 2012, 1231 Rn. 41; Urteil vom 09.07.2013 – II ZR 9/12, ZIP 2013, 1616 Rn. 41, jew. mwN []
  2. BGH, Urteil vom 29.05.2008 – III ZR 59/07, ZIP 2008, 1481 Rn. 34 f.; Urteil vom 18.12 2008 – III ZR 56/08, NJW-RR 2009, 1416 Rn.20 f.; Urteil vom 23.07.2009 – III ZR 323/07 8; Urteil vom 23.04.2012 – II ZR 211/09, ZIP 2012, 1231 Rn. 42; Urteil vom 29.05.2013 – VIII ZR 174/12, ZIP 2013, 1672 Rn. 15 ff.; Urteil vom 09.07.2013 – II ZR 9/12, ZIP 2013, 1616 Rn. 45 []
  3. vgl. dazu BGH, Urteil vom 14.01.2002 – II ZR 41/00, NJW-RR 2002, 915 []
  4. vgl. BGH, Urteil vom 26.11.1984 – VIII ZR 214/83, BGHZ 93, 29, 48; Urteil vom 26.06.1991 – VIII ZR 231/90, NJW 1991, 2630, 2632; Urteil vom 12.10.1995 – I ZR 172/93, NJW 1996, 1407, 1408; Urteil vom 05.12 1995 – X ZR 14/93, NJW-RR 1996, 783, 789; Beschluss vom 20.11.2012 – VIII ZR 137/12, WuM 2013, 293 Rn. 3; Beschluss vom 05.03.2013 – VIII ZR 137/12, NJW 2013, 1668 Rn. 3; Urteil vom 04.02.2015 – VIII ZR 26/14, ZIP 2015, 1295 Rn. 17; Graf von Westphalen/Thüsing, Vertragsrecht und AGB-Klauselwerke, Salvatorische Klauseln, Stand 2014, Rn. 1, 17; H. Schmidt in Ulmer/Brandner/Hensen, AGB-Recht, 11. Aufl., § 306 Rn. 14, 39 ff.; Staudinger/Schlosser, BGB [2013], § 306 Rn. 22 und 26 []
  5. vgl. BGH, Urteil vom 05.05.2015 – XI ZR 214/14, ZIP 2015, 1380 Rn. 15 mwN; Lindacher/Hau in Wolf/Lindacher/Pfeiffer, AGB-Recht, 6. Aufl., § 306 Rn. 45; Stoffels, AGB-Recht, 3. Aufl., Rn. 626 []
  6. vgl. BGH, Urteil vom 17.05.1982 – VII ZR 316/81, BGHZ 84, 109, 114 ff.; Urteil vom 12.10.1995 – I ZR 172/93, NJW 1996, 1407; Urteil vom 29.05.2008 – III ZR 59/07, ZIP 2008, 1481 Rn. 35; Urteil vom 19.11.2009 – III ZR 108/08, BGHZ 183, 220 Rn. 16; Urteil vom 27.01.2015 – XI ZR 174/13, ZIP 2015, 517 Rn. 18 []
  7. BGH, Urteil vom 29.05.2008 – III ZR 59/07, ZIP 2008, 1481 Rn. 35; Urteil vom 23.07.2009 – III ZR 323/07 8 []
  8. BGH, Urteil vom 14.01.2002 – II ZR 41/00, NJW-RR 2002, 915; Urteil vom 09.07.2013 – II ZR 9/12, ZIP 2013, 1616 Rn. 42 mwN []

 

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